Es gibt Momente, da sehe ich mir Unglaubliches genauer an. Und immer wieder fehlt mir ein konsistentes Bild. In einem Krimi wird am Ende klar, was geschah, der Mörder wird gestellt.

Im Leben ist es oft nicht so leicht.

So geht es mir auch mit dem „Mordfall Maria“. Was ich lese, erscheint unzivilisiert. Ein Angeklagter, der den Blick nicht hebt, aber den Mittelfinger zeigt. Von einem Gutachter beschrieben als empathielos. Der Prozess mit Zwischenrufen? Die Aussagen der Angeklagten decken sich nicht. Einer von beiden zeigt Reue, doch ihm glaubt man nicht.

Ich lese, dass die Mutter des Opfers nie verzeihen will: „Ich vergebe euch nie. Ich werde euch immer hassen.“. Die Richterin sagt, ein Urteil sei keine Wiedergutmachung. Das klingt dramatisch und emotional.

Ich stelle mir Fragen zu diesem Prozess. Ich wundere mich: wie kann ein Gutachter einen Mann als empathielos ansehen, aber keine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren?

Dann ein Blick in das Video des NDR – die Reporterin sagt etwas anderes als der Artikel: man gehe aus von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, der Mann sei paranoid, hochaggressiv.

An dieser Stelle muss ich passen. Der Autor des Berichts beschreibt offenbar etwas anderes als seine Kollegin. Ich bekomme Zweifel an der Darstellung. Was ist nun wirklich passiert in dem Prozess und was hat der Autor daraus gemacht? 

Ich behalte das Gefühl, dass wir gut daran tun, differenziert zu urteilen und nicht aus der Ferne. Dass wir uns ein Bild machen. Im Zweifelsfall vertraue ich dem Urteil der Beteiligten. 

Achtsamkeit wird oft assoziiert mit einer nichtwertenden Haltung. Ich verwende gerne die Definition von Shauna Shapiro: „Achtsamkeit ist das Bewusstsein, das entsteht, wenn man auf eine offene, gütige und urteilsfähige Art und Weise aufmerksam ist.“

Urteilt nicht jeder Psychotherapeut, der eine Diagnose stellt? Meist bekommen wir dies nicht zu Gesicht, ich kenne das Zurückhalten von Berichten – der beste Psychiater, den ich kenne lernen durfte, tat genau das nicht.

Mir sagte letzte Woche jemand: „und schon geht die Schublade auf…“, nachdem ich mich über ein Detail an einer Person geäußert hatte. Ich gebe ihr Recht: es war nur ein Detail. Und die Person an sich hatte andere Seiten, die dieses Detail nicht zeigte. Halte ich mich an Shauna Shapiro, so messe ich schwarzlackierten Fingernägeln nur wenig Gewicht zu an einer Person und erinnere mich auch an die Gespräche, den Anlass, zu dem ich sie sehe, ihre Körperhaltung und was sie bislang in unserer Beziehung tat.

Mir diese Mühe zu machen, halte ich für den Aufwand wert. 

Ein Prozess des Verstehens?