Wieder einmal eine Reise. Diesmal das erste Mal in einem ICE auf der Strecke von Rostock nach Hannover. Ruheabteil. Hm. Gut, dann nehme ich das Motto auf und trete etwas leise.

Die Fahrt ist wirklich ruhig. Meine neue Lektüre spannend. Ich erlebe den anbrechenden Tag. Über die Landschaft breitet sich die Morgensonne aus. Ein Gefühl von Weite, von angenehmem Reisen. 

Kurz vor Hannover kommt ein junger Mann ins Abteil, setzt sich auf den Sitz auf der anderen Seite des Gangs. Grüner Hoodie… er sieht nicht aus wie der typische ICE-Reisende. Er beginnt zu reden. Lautstark.

Ich bin einigermaßen erstaunt. Er fahre zum ersten Mal ICE. Weil er Polizist sei. (Okay, ich nehme das erstmal so hin.) Aber eigentlich kommt er aus dem Ghetto. (Ja, das finde ich jetzt stimmig.) Und das sei es völlig normal, wenn man sich streitet, unter Jungs. Da müssen sich die Erwachsenen gar nicht einmischen. Aber mit dem Richter, da sei er ausgekommen, darum fahre er jetzt ICE. (Meine Verwirrung steigt, aber irgendwie ist es  interessant.) Ich überlege, ob ich irgendetwas unternehmen soll. Immerhin sind andere Passagier mit im Abteil, die wahrscheinlich Ruhe haben wollen. Dann entscheide ich: das Leben hat mir gerade die noch nie dagewesene Gelegenheit gebracht, mich mit einem Jungen aus dem Ghetto zu unterhalten. Also biete ich ihm den Platz neben mir an. Frage mal etwas nach, wie denn das so ist, als Polizist. Ja, er sorge für Ordnung, und er habe vor niemandem Angst. Denn da sind ja seine Jungs und da braucht er niemanden sonst, der ihn beschützt.

An dieser Stelle denke ich daran, wie der Zusammenhalt im Ghetto sein muss. Vermutlich anders als der unter den Akademikern, die ich kenne.
Mit dem deutschen Recht hat er nicht viel am Hut. Er sagt, er war früher selbst kriminell. Hat geklaut, gekifft. Heute macht er das nur, wenn er nicht „im Dienst“ ist. Aha.

Ich frage nach, als er Zuhälter erwähnt. Wie das denn so ist. „Weisst du, die behandeln die Frauen wie Dreck, wie Tiere. Die schenken ihnen was und dann sagen die: ‚du hast Schulden bei mir, du musst für mich arbeiten.‘ Aber ich bin immer wieder hingegangen und habe die genervt. Dann haben die die Frauen gehen lassen.“ Er lacht. „Und dann haben die Frauen Terz gemacht. Dann haben die denen was gesagt.“ Ich frage nach: „Du hast ihnen Selbstbewusstsein gegeben?“. „Ja, dann braucht man keine Angst haben. Ich habe ja auch keine Angst, ich mache einfach.“

Als ich merke, dass die Damen vor mir inzwischen etliche Gesten machen, frage ich nach: „Stört Sie das?“ Als die Antwort positiv ist, frage ich den Ghetto-Jungen neben mir, ob er mit mir zum Ausgang geht, da wir bald in Hannover sind. Er hat nichts dagegen und kommt mit. Auch ein Ghetto-Junge kann also folgen, wenn man ihn nett fragt.

In Hannover will ich mich auf den Weg machen zum Anschlusszug. Er steht da, kramt in seiner Tasche, fragt mich: „Rauchst du nicht?“. „Nein, und ich muss jetzt zum Zug“. Zum Abschied gebe ich ihm die Hand. Denke noch ein wenig nach über meine erste Begegnung mit jemandem aus dem Ghetto. War er jetzt ein Krimineller, der stiehlt und kifft, oder ein Polizist, der Frauen hilft, die ausgebeutet werden?

Man kann ‚entweder oder‘-Fragen stellen oder die Welt weniger dual sehen. In „sowohl-als-auch“?

Und darauf kann man aufbauen.

Eigentlich ist die Geschichte hier zu Ende.
Aber als ich vor dem Bahnhof eine junge Frau sitzen sehe, bleibe ich noch einmal stehen. Sehe, wie traurig sie guckt. Wie sie das Gesicht in eine Decke drückt. Mein Herz schmerzt bei dem Anblick. Ich bin schon an ihr vorbei, da drehe ich um. Gehe zu ihr, hocke mich hin, neben den Becher, der vor ihr steht. Ich sage: „Du siehst aus, als würde es dir nicht gut gehen. “ Sie blickt auf, nickt, sieht etwas benommen aus. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“ „Nein, mein Freund kommt gleich.“ Ich überlege. „Okay, und der kommt jetzt gleich?“ „Ja.“ Ich überlege noch einmal kurz, ob ich ihr irgendetwas geben oder anbieten soll, aber ich glaube ihr, dass jetzt jemand kommt, der sich um sie kümmert. „Na, dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag.“ Ich sehe, dass sie lächelt und verwundert guckt.

Reisefreiheit