Da ich aus den Naturwissenschaften komme, war mein erstes Interesse bei den Neurowissenschaften angesiedelt. Oliver Sacks ist immer noch einer meiner Lieblingsautoren, auch wenn es sehr gute und weniger gute Bücher von ihm gibt. Seine Autobiografie eröffnete mir eine Sicht auf den Mann – und ich war erstaunt, wie er über seine Homosexualität und über seinen an Schizophrenie leidenden Bruder schrieb. Trotz seines ungewöhnlichen Lebens – oder vielleicht gerade deshalb – hatte er einen sehr menschlichen Blick auf Menschen mit neurologischen Besonderheiten: humorvoll, empathisch, mit einem Blick für Wendungen zum Guten. Arroganz sucht man bei ihm vergeblich.

Ich habe eine Reihe Seminare besucht. Psychoedukation nehme ich gerne kritisch. Aktive Seminare, die mich auffordern, etwas neu zu erfahren oder zu entdecken, liegen mir mehr. Der Effekt ist nachhaltig: ich bin oft angeregt, weiter zu machen, auszuprobieren, Eigeninitiative zu zeigen. Etwas am eigenen Leib zu erfahren, ist wertvoll. Was mein Klient mit mir erfährt, möchte ich zuerst einmal testen.

Nonverbale Kommunikation ist ein Steckenpferd. Ich bin sehr sensibel, Stimmungen spüre ich schnell. Wenn ich in einen Raum komme, in dem „dicke Luft“ herrscht, bleibe ich unweigerlich stehen.  Ich habe gelernt, damit einigermaßen souverän umzugehen, aber nicht immer ist diese Gabe auch ein Segen. Ich habe die Tendenz, unter Disharmonie zu leiden.

Ich habe ein paar YouTube-Videos angeschaut, aber es ist nicht einfach, qualitativ hochwertige auszusuchen. Manchmal ist es einfach, dass ich einen Ansatz interessant finde, wie z.B. einen Therapeuten, der – im Gegensatz zu vielen Ausstiegsappellen, die teils unversöhnlich klingen – einen lösungsorientierten Ansatz bei narzisstischem Verhalten anbot. Er wirkte optimistisch, gleichzeitig realitätsnah und pragmatisch. Ich lese gerne Bücher und auch hier fand ich eine amerikanische Autorin, die mit schematherapeutischem Ansatz und empathischer Kommunikation arbeitet – dies war aber mein privates Interesse; für berufliche Schritte brauche ich eine stabilere Grundlage, Praxis und (Über)Prüfung durch DozentInnen.

Der Kurs der University of California, Berkeley, brachte mir zwei Aspekte, den ich jetzt als Alternative zum klassischen „Abgrenzen“ ehrlich schätze: Selbstfürsorge und Mitgefühl.

Ich bin wirklich dankbar, dass sich große, renommierte Universitäten die Mühe machen, Kurse auf edX kostenfrei bzw. mit akzeptablen Kosten für Zertifikate zur Verfügung zu stellen. UC Berkeley hat ein sehr gutes didaktisches Konzept und für mich anregend hohe Anforderungen. Die Grundlagen moderner Psychologie der University of British Columbia (Kanada) waren ebenfalls gut dargestellt, auch wenn Berkeley mich mit etwas mehr Klarheit überzeugte. Ich gebe zu, den Harvard-Kurs habe ich nicht durchgezogen (es ging um Ökonomie in Entwicklungsgebieten); es hatte auch Zeitgründe und ich neigte zum Philosophieren – aber ich fand das Sozialmodell bestätigt, was mich sehr freute. Indien hat es nun fast geschafft, auf dem Mond zu landen – selbst wenn der Versuch misslang: welche Leistung, es so weit zu schaffen.
Ein künstlerisch schöner Kurs war der Music for Wellbeing-Kurs der Berkelee School of Music – auch nur als Gasthörerin, aber eine Freude für mich.

Ich habe eine EU-Universität versucht: die KU Leuven mit einem teils philosophischen, teils psychologischen, teils psychotherapeutischen Kurs. Mein Hang zum Philosophieren war nicht stark genug und im Gegensatz zu Berkeley, wo ich eine Lerngruppe leitete, fand ich zu wenig Diskussion bei sehr großzügiger Punktevergabe: kurz – er reizte mich nicht sehr. Eine Psychotherapeutin, die eine freundliche Atmosphäre bietet und spiegelt, ist für mich einfach Basis. Leuven hatte Aspekte der amerikanischen Psychologie übernommen, nicht verkehrt und manch einer mag so auch den üblichen Standard absolvieren. Er war jedenfalls besser als der Kurs in Klinischer Psychologie einer australischen Universität, der mir nach Lernen mit Lehrbuch und dem Lerntool für Mediziner nur ein paar praktische Aspekte bot: z.B. bei Menschen mit Depressionen nicht auf einen Anruf zu warten und Bewegung als unmittelbare Empfehlung einzusetzen. 

Innovativ sind für mich die amerikanischen Methoden. Auch wenn ich gerne ein wenig von C.G. Jung gelesen habe, für die heutige Zeit angemessen und überzeugend finde ich praktische Methoden, die kulturübergreifend wirken und in kurzer Zeit effektiv helfen – nicht erst nach vielen Monaten oder gar Jahren. 

Ich bedauere auch, dass heute anscheinend der Zugang zu einer gutbezahlten psychotherapeutischen Tätigkeit mehrheitlich Söhnen und Töchtern der Oberschicht zukommt. Mehr Studierende aus der Mittelschicht, Aufstiegsmöglichkeiten für Talente, eine bezahlbare Ausbildung – und wir könnten mehr Psychotherapeut/innen haben, die nicht in Versuchung geraten, ihre Klient/innen wegen Verhaltensweisen kritisch zu betrachten, die in ihrem Umfeld kein Problem darstellen.

Wir können in Deutschland davon profitieren, wenn wir uns öffnen. Wir sind ein Kulturvolk – wir fördern die hohe Kunst (und auch die Wissenschaften) so breit, dass wir Studierende aus aller Welt anziehen. Auch wenn ich stark für mehr Förderung in der Mitte der Gesellschaft und nicht nur für Exzellenz plädiere, ist der Aspekt des Schönen und des Humanen immer noch geschätzt in unserem Land.

Lernen wir einfach von anderen wie wir dies noch effektiver, effizienter und humaner gestalten können. Wenn wir achtsam dabei vorgehen, können wir nachhaltig unsere Demokratie und das Wohl aller stärken.

moderne Psychologie