Der Depression vorbeugen

Veröffentlicht von Nina Sagemerten am

Smiley (Foto: Foto: AbsolutVision)

In Deutschland steht es laut Statistik nicht allzu gut um die psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe bei Depressionen (siehe Anzahl der diagnostischen und therapeutischen Defizite in Deutschland). Experten sehen etwa 4 Millionen behandlungsbedürftige Depressionen, davon sind 60-70 % in hausärztlicher Behandlung. Die ambulante Versorgung geschieht überwiegend durch Allgemeinmediziner, nicht Psychiater/innen. Als suffizient (d.h. ausreichend) behandelt, gelten gerade einmal 6-9 %.
Die Anwendung von Antidepressiva sehe ich aufgrund der bekannten Nebenwirkungen kritisch. Zudem ist der Nachweis ihrer effektiven Wirkung ausgeblieben. In einem systematischen Überblick mit Metaanalyse folgern die Autoren:

Schlussfolgerungen Die Wirkung von Antidepressiva bei Depressionen bei Erwachsenen kann nicht eindeutig nachgewiesen werden. Es ist unklar, ob Antidepressiva effektiver wirken als Placebo.

Conclusions The evidence does not support definitive conclusions regarding the benefits of antidepressants for depression in adults. It is unclear whether antidepressants are more efficacious than placebo.

Munkholm K, Paludan-Müller AS, Boesen K
Considering the methodological limitations in the evidence base of antidepressants for depression: a reanalysis of a network meta-analysis,
BMJ Open 2019

Wenn also unklar ist, ob es hilft, eine Tablette zu schlucken, dann muss es erlaubt sein zu fragen, was hilft.

Laut Statistik ist die Compliance (d.h. Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung) der Patienten nach drei Monaten gering (knapp 4%).

Dies ist natürlich ein Dilemma. Denn eine Depression zeichnet sich gerade durch Passivität aus. Eine gute Bindung zum behandelnden Therapeuten ist somit essentiell wichtig. Ob die Hausärzte dies neben ihrer umfangreichen Arbeit schaffen ist fraglich – zumal ihre Ausbildung im Bereich Psychiatrie in der Regel nur einen kleinen Teil ihres Studiums ausmacht

Laut Psychotherapie-Informationsdienst „besteht in einigen Regionen Deutschlands eine erhebliche Unterversorgung mit kassenzugelassenen Psychotherapeuten. “ Es wird geraten „sich zunächst bei mehreren Psychotherapeuten auf die Warteliste setzen lassen; um Ihre Chancen auf einen schnellen Termin zu erhöhen. […] Einige Therapeuten bieten an, die Probesitzungen vorzuziehen, obwohl noch kein regulärer Therapieplatz frei ist […]“.

Es ist also der Versorgungssituation anzulasten, dass so wenige Menschen eine angemessene Behandlung wahrnehmen können. Der Fehler liegt im System.

Schnelle Hilfe ist besser als langes Warten

Andererseits ist eine bessere Situation sehr wünschenswert, da bei frühzeitiger Behandlung Suizidgedanken weniger oft auftreten.

Smiley (Foto: Foto: AbsolutVision)
Foto: Gino Crescoli

Eine frühzeitige Besserung ist mit einer deutlich geringeren Rate an Selbstmordgedanken verbunden, da sie möglicherweise eine schnelle Linderung der Symptome bewirken und die Hoffnungslosigkeit verringern kann.

Early improvement is associated with significantly less treatment emergent suicidal ideation for it may provide rapid symptom relief and reduce hopelessness.

Florian Seemüller, Rebecca Schennach-Wolff, Michael Obermeier, Verena Henkel, Hans Jürgen Möller, Michael Riedel
Does early improvement in major depression protect against treatment emergent suicidal ideation?
Journal of Affective Disorders,Volume 124, Issues 1–2, 2010

Einen Warteplatz zu bekommen, hilft hier wenig. Wir sprechen im Norden von etwa 20 Wochen. Dass dann „die Chemie stimmen sollte“ zwischen Patient und Psychotherapeut, wie oft gesagt wird, ist angesichts der Gesamtsituation wohl eher zweitrangig. Steve de Shazer, zusammen mit Insoo Kim Berg Begründer der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, war überdies der Ansicht, dass dies eine der Aufgaben des Therapeuten ist.

Was ist die Alternative?

Es ist bislang ein von der Medizin wenig verbreiteter Ansatz, nicht auf die Depression, sondern gezielt auf das andere Ende der Skala, sprich die Lebensfreude zu sehen. Diagnostiziert werden kann eben nur eine Krankheit. Wenn es aber soweit ist, dass die Depression diagnostiziert wird, ist die Lebensfreude bereits deutlich vermindert.

Die Chance kann also darin bestehen, nicht depressiv zu werden. Wer nicht erst eine Krankheit entwickelt, braucht keinen Spezialisten. Für das tägliche Glück reichen einfache Übungen. Allerdings ist es hier wichtig, „im Training“ zu bleiben.

Wo es an Psychiater/innen und Psychologischen Psychotherapeut/innen mangelt, Hausärzte mit nur geringer Fachausbildung helfen, bieten psychologische Berater/innen und Coaches eine sinnvolle Alternative. Nebenwirkungsfrei und ohne Rezept.

Hinweis

In akuten Krisen, bei Unglücksfällen, Gefahr oder Not sehe ich es als meine eigene und als allgemeine Pflicht, Hilfe zu leisten, soweit dies erforderlich und den Umständen nach zumutbar ist, d.h. insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten.


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.